STAATSFRAGMENTE

  • (Ein Königsmärchen)
  • von Kiki Miru Miroslava Svolikova
  • Uraufführung
  • Theater Drachengasse
  • 12. – 31. Jänner 2026, Di–Sa um 20 Uhr

wie kommt das volk dazu, sich den herrscher auszusuchen wie einen früchtebelag?

Es ist Nacht im Palast des Königs. Der Rat seiner Vertrauten tritt verschlafen zusammen. Während draußen das Volk tobt, irrt der Regent durch die Flure, gehetzt von der Frage: Soll er sich zeigen? Und wenn ja: Wie spricht man zum Volk? Und welches Kostüm ist dafür angemessen?

In Staatsfragmente bringt Regisseurin Valerie Voigt das Minidrama von Kiki Miru Miroslava Svolikova über einen schlaflosen Monarchen und seine ratlosen Berater zur Uraufführung. Die Regisseurin reiht den Kurztext, der als Textminiatur im Rahmen der Berliner Autor:innentheatertage 2020 entstand, zu einer atmosphärischen Loopstruktur und zerlegt die Mechanismen der Macht in vier historische Dekaden.

Jede:r ist mal König:in, jede:r ist mal Berater:in. Jede Wiederholung bringt neue Risse ans Licht, jede Szene öffnet neue Abgründe. Mit Kostümkaskaden und einem Ensemble, das sich selbst und die Machtfrage immer wieder neu erfindet, ist Staatsfragmente ein Königsmärchen über das Theater der Repräsentation – und darüber, wie leicht sich die Rollen vertauschen lassen. 
Wer führt hier wen? Und wo liegt der Ausweg aus dem ewigen Nachtpalast?

Regie: Valerie Voigt
Kostüm: Katia Bottegal
Bühne: Thomas Garvie
Musikalische Arrangements: Johanna Sophia Baader
Choreografie: Christina Osternig
Regieassistenz: Eva Weinlich
Es spielen: Johanna Sophia Baader, Lukas Haas, Nataya Sam, Sebastian Thiers

Rechte bei Suhrkamp Theater Verlag, Berlin

Dauer: 1 Std 45

HÖRBEISPIEL

Alle plem plem im Staate? – "Staatsfragmente" im Theater Drachengasse

Valerie Voigt macht aus Kiki Miru Miroslava Svolikovas Textminiatur in der Wiener Drachengasse einen erbaulichen Märchenabend à la "Leonce und Lena"

Die Macht hat ihre Insignien. Ein goldenes Szepter oder – neuerdings – ein rotes Kapperl mit Slogan. Eine jede Herrschaft inszeniert sich wirkungsvoll. Mit diesen Hoheitszeichen Schabernack zu treiben, ist per se Kritik, und so wie Regisseurin Valerie Voigt sie mit dem Kurzstück Staatsfragmente von Kiki Miru Miroslava Svolikova darbietet, ein ungewöhnliches Vergnügen.

Im Theater Drachengasse, wo der im Rahmen der Berliner Autor:innentheatertage 2020 entstandene Text nun seine Uraufführung feiert, stochern in einem spannungsgeladenen, rhythmischen Intro zunächst seltsame hölzerne Beine, die sich später als eine Art Stelzen-Hände erweisen, in die Dunkelheit der Nacht am Hof. Wie üblich ruft der König um diese ungesunde Stunde zur Ratsversammlung, um klären zu lassen, in welchem Outfit er sich dem tobenden Volk draußen präsentieren soll.

Die müden Ratsmitglieder sind sowohl ratlos als auch hörig. "soll das volk offen zu erkennen geben, dass es euch erkennt oder verhalten für sich behalten, dass es erkannt hat?", fragen sie. Voigt spannt die Textminiatur in eine sich wiederholende Schleife, in der jede der vier Figuren einmal Herrscher ist, auch als Papst.

Große Stückeln spielt dabei Katia Bottegals Kostümbild aus weißer Spitze und rotem Samt, federnden Reifröcken und einer reihum gehenden, amputierten Holzhand, deren Finger sich vielsagend bewegen lassen (Mittelfinger!). Mit einem Handgriff wird auch aus der Bischofsmütze einmal ein Napoleonshut.

Der Herrscher, "durchlauch und hochlauch", aber auch "knoblauch" genannt – er ist samt seinen Vertrauten ein Wiedergänger aus dem Reiche Pipi oder Popo aus Büchners Leonce und Lena in mehreren Epochen. Am Ende ist es die Präsidentin, die sich ein Volk "castet". "wir dienen, bis alles zusammenfällt / wir dienen und dienen und stürzen dabei die welt". Ein in jeder Minute spannender Abend.

derstandard.at, 14.01.2026


"Staatsfragmente" im Theater Drachengasse im Machtloop

Immerzu reden alle von Wahlen, aber wie kommt ein Herrscher eigentlich dazu, sich mit seinem Volk zufrieden zu geben? Vielmehr müsste ein Volk, das sein Oberhaupt auch wirklich verdient, doch eigentlich - ja, gecastet werden, oder? Um Fragen wie diese kreist Miroslava Svolikovas "Königsmärchen" namens "Staatsfragmente", das am Montag in der Regie von Valerie Voigt im Theater Drachengasse uraufgeführt wurde. Ein verrätselter Abend im Loop, der seinen Sog erst spät offenbart.

Gerade einmal 14 Seiten lang ist dieser bereits im Jahr 2020 während der Corona-Pandemie entstandene Text der 1986 geborenen Autorin, die in den vergangenen Jahren Auszeichnungen wie den Retzhofer Dramapreis (2015), das Hans-Gratzer-Stipendium (2016) und einen Nestroy-Preis für ihr Stück "Rand" (2021) erhalten hat und die sich mittlerweile Kiki Miru Miroslava Svolikova nennt. Im Zentrum steht ein König mit seinen drei Vertrauten, die sich mitten in der Nacht im Palast treffen, um eine Strategie zu erarbeiten, wie sich der König unter die Leute mischen könnte. Verkleidet? Oder besser nicht verkleidet? Als Gleicher oder doch als Ungleicher? Die Meinungen gehen auseinander.

Kurzer Text entwickelt im Loop seinen Sog

Um nun also einen ganzen Theaterabend zu bestreiten, hat sich die Regisseurin dazu entschieden, den Text in einer "atmosphärischen Loopstruktur" in Fragmenten gleich vier Mal auf die Bühne zu bringen, und zwar mit verschiedenen Machthabern zu unterschiedlichen Zeiten. Überhaupt ohne Worte kommt der erste Akt aus, in dem Johanna Sophia Baader, Lukas Haas und Nataya Sam in weißen Reifröcken, weißen Perücken und grotesk langen Armprothesen (in der Steinzeit, liest man im Programmheft) auf allen vieren einen rituellen Tanz aufführen, um schließlich ihren Herrscher - Sebastian Thiers im aufblasbaren Dinosaurierkostüm - zu begrüßen.

Nach rund 15 Minuten folgt ein Schnitt und man findet sich im 13. Jahrhundert wieder: Hier herrscht kein Dinosaurier, sondern der Papst (Baader), der mit seinen engsten Geistlichen diskutiert ("wie bringt man das volk dazu, sich aussuchen zu lassen, sich als schlechtes zu erkennen und dann selbst zu verwerfen?"), distanziert mit einer Modellhand gestikuliert und schließlich Queens "Bohemian Rhapsody" anstimmt (nur dass es statt "Mama" hier "Papa" heißt). Ausgerechnet dieser rund 45-minütige Teil der Aufführung wird der sprachlichen Wucht der Vorlage mit platt überzogenem Spiel am wenigsten gerecht.

Über den Absolutismus in die KI-dominierte Gegenwart

Schließlich folgt der Absolutismus, und ein famoser Lukas Haas schlüpft in die Rolle eines leicht hysterischen, mit einer bis auf die Brust hängenden Perlenkrone ausgestatteten Sonnenkönigs, der von seinen Beratern bei Laune gehalten werden will und einmal mehr dieselben Fragen diskutiert, die jedoch im erneuten Aufguss immer plausibler daherkommen, bis im großen Finale die Gegenwart an der Reihe ist. In dieser befragt Nataya Sam als Präsidentin im Blitzlichtgewitter vornehmlich die Künstliche Intelligenz, deren blechern aus dem Off kommende Antworten jedoch seltsam ausgehöhlt klingen. Kommt einem irgendwie bekannt vor ... Der Abend, der dem Publikum auch zahlreiche Lacher entlockte, endete schließlich nach 90 Minuten mit der Erkenntnis: Ein Volk möchte man nicht regieren müssen.

APA, 13.01.2026


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